|
|
|
"Das ist kein x-beliebiges Gasthaus"
Jubiläum: 350 Jahre "Goldene Krone“:
Ein Hort der Geschichte und Geschichten feiert Geburtstag
Chronik in Buchform
Das Buch "350 Jahre Goldne
Krone Darmstadt" ist in den
Darmstädter Buchhandlungen sowie im historischen Brauereiausschank der Krone (Kneipe)
erhältlich. |
In der "Rocky Bar" im ersten Stock bestellt eine junge Frau ein dunkles Flaschenbier, während
nebenan im Billardzimmer eine Gruppe Teenager zu Achtziger-Jahre-Musik ein
paar bunte Kugeln schiebt. Im Konzertsaal steht derweil eine skandinavische
Rockband auf der Bühne, das Kino zeigt einen asiatischen Trickfilm, und
unten in der Disco zucken Körper zu alternativen Popklängen.
Die "Goldene Krone" ist eine lebende Legende. Zwar ist es ist nicht mehr
so häufig derart voll wie an diesem Samstagabend, an dem ein externer
Veranstalter zu einer großen Clubparty lädt. Doch immer noch ist das Haus
in der Schustergasse 18 Hort der Jugendkultur, Auftrittsforum für
Musikbands und Begegnungsstätte für Heiner jeglicher Altersklassen. Und das
nunmehr seit 350 Jahren.
Um ein Haar hätte man das stolze Jubiläum im Hause verschlafen. "Da
musste uns ein Fremder drauf aufmerksam machen", berichtet Peter Gleichauf
mit schmunzelndem Unterton. "Und da habe ich mir gedacht: Wir müssen was
machen." Der langjährige Mitbetreiber, der die Leitung des Hauses nach dem
Tod seines Partners Tili Wenger vor zwei Jahren an seinen Sohn Julius
weitergegeben hat, begann zu forschen und präsentiert nun nach einem Jahr
Kronestudium etwas, das es in Darmstadt noch nicht gab: Eine Chronik in
Buchform: "Goldene Krone Darmstadt - erbaut 1656."
"Da hat er Pionierarbeit geleistet", lobt Friedrich-Wilhelm Knies vom
Stadtarchiv. Seines Wissens gibt es bislang kein Buch über die Krone. Und
dass nun eins existiert, wird dem Stellenwert der Lokalität seiner Ansicht
nach mehr als gerecht: "Das ist kein x-beliebiges Gasthaus", betont Knies
und meint damit außer dessen jahrzehntelanger Funktion als Ausgehstation
der Jugend auch den Umstand, dass es als einziges Haus der Altstadt der
Brandnacht im Zweiten Weltkrieg standhielt. "Gerade deswegen hat es eine
sehr hohe emotionale Bedeutung für die Darmstädter."
Freilich ranken sich um ein solch altes Gemäuer, wo seit Jahrhunderten
Gäste von nah und fern ein- und ausgehen, auch etliche amüsante
Geschichten. In dem Band finden sie neben vielen Besitzerwechseln oder
baulichen Veränderungen Platz. So erinnert sich die als "Eis-Friedel“
bekannte Friedel Ernst an das Jahr 1941, in dem sie nach Darmstadt kam und
in der Küche der Krone arbeitete. Zum Abschied schenkte ihr der Chef eine
Eismaschine, mit der sie sich sogleich selbstständig machte. "So habe ich
durch die Krone meinen heutigen Kultstatus erreicht."
Eine amüsante Anekdote steuert auch Imbissbetreiber Karl-Heinz Salm bei,
der in den fünfziger Jahren als Metzgersjunge gegenüber der Krone lebte.
Ein aus dem Allgäu stammender Geselle des Familienbetriebs habe in
Darmstadt Landjäger-Würstchen eingeführt, die der junge Salm jedoch nicht
verknusen konnte. Eines Tages entledigte er sich ihrer durch ein geöffnetes
Dachfenster der Krone. "Tags darauf fragte mich der damalige Wirt, ob ich
wohl wüsste, wer seinen berühmten Hotelgast, den internationalen
Gesangsstar Vico Torriani, mit Würstchen beworfen habe."
Das alles ist Historie, doch wie steht es um die Zukunft der Krone?
Voriges Jahr taten sich an der Fassade Risse auf, und die Heizungsanlage im
Keller wurde beschädigt - vielleicht als Folge der Erneuerung der dort
entlang laufenden Straßenbahnschienen. Außerdem hat das Brandschutzamt den
Betreibern neue Auflagen gestellt. "Es wird zurzeit noch mit der Stadt
verhandelt", sagt Architekt Uwe Müller, der das Projekt für die Krone
betreut. Und was die Risse angeht, die könne man schließen. "Ansonsten ist
die Krone eigentlich stabil, sie steht fest."
Das versichert auch Denkmalpfleger Nikolaus Heiss, in dessen Büro das
seit 1994 unter Denkmalschutz stehende Gebäude mittlerweile einen
Aktenordner füllt. Er lobt das Engagement der Betreiber, immer wieder in
Sanierungen zu investieren. "Es ist wichtig, dieses letzte Haus der
Altstadt möglichst authentisch zu erhalten", schreibt er im Nachwort des
Buchs. "Dies gelang bisher den Eigentümern in hervorragender Weise."
Ob das in Zukunft so bleibt, ist laut Geschäftsführer Julius Gleichauf
unklar. "Wenn es beim Brandschutz keine Kompromisse gibt, weiß ich nicht,
wie wir das finanziell hinkriegen sollen." Nicht nur die Familie ist
enttäuscht von der Stadt, die sich ihrer Ansicht nach nicht genügend um das
letzte Altstadthaus Darmstadts kümmert. "Die Stadt könnte sich da mehr
engagieren", findet auch Eigentümer Heinz Unvericht von der "Wiener Kronen
Brauerei".
Doch durch derlei Widrigkeiten will Peter Gleichauf sich zum Jubiläum
nicht in weinerliche Stimmung versetzen lassen. "Die Krone steht", betont
der Seniorchef außer Dienst. "Und wir gehen hoffend und froh in die Zukunft
hinein."
Für Freitag (23.) lädt die Krone ab 17 Uhr zu einer
kleinen 350 -Jahr-feier mit Live-Musik von Peter Schmalfuss (Klavier), Uli
Partheil (Klavier) und Elisabeth Bousigniere (Geige).
Das Buch "Goldne Krone Darmstadt" ist in den Darmstädter Buchhandlungen und in der Krone selbst
erhältlich.
|
Alexandra Welsch 23.6.2006 |
Kleine Geschichte der Goldenen Krone
Von der Behausung zur Gaststätte |
| Das Haus der späteren
Krone wurde 1656 von Kammerdirektor Nicolaus Tilensius errichtet - daher
auch der Beiname "Tilensische Behausung". In den Achtzigern des 17.
Jahrhunderts erwarb es der Metzger Johann Wendel Sand und baute es zum
Gasthaus um, das es fortan fast immer blieb - seit 1756 im Eigentum der
Brauereifamilie Wiener, die das Haus 1996 an ihren Prokuristen Heinz
Unvericht vererbte.
Die Krone war durch die Jahrhunderte stets ein beliebtes Lokal der
Bürger, Vereine und auch ausländischer Gäste, die dort zwischenzeitlich ein
Hotel antrafen. Nach dem Zweiten Weltkrieg widmeten es die Amerikaner von
1950 bis 1953 zum "Amerikahaus" um und betrieben darin Büros sowie den "Storck-Club".
1975 übernahmen Tilmann Wenger und Peter Gleichauf die Krone und machten
daraus ein Multi-Media-Haus, in dem unter anderem Künstler wie Nina Hagen,
Jango Edwards, Trio, Nena, Bap, Eric Burdon oder Luther Allison auf der
Bühne standen.
Das von Claudius Posch geschaffenes Logo ("Kronen-Emma" oder "Mona Lisa von
Darmstadt") erlangte ebenso große Berühmtheit wie der langjährige Türsteher
Fred Hill. Er starb 2004 - im selben Jahr wie Tili Wenger. |
lex 23.6.2006 |
|